Texte von  M.A. Katrin Klietsch (Kunstgeschichte/ Anglistik) heute PhD Candidate im IPP Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar

(english texts below)


PAINTING

Zentraler Themenkomplex Gabriela Kobus’ künstlerischer Auseinandersetzungen ist der der urbanen Strukturen.

Sie kombiniert urbane Phänomene zu einer Matrix, deren Dynamik von Verdichtung und Auflösung, Vernetzung und Gleichzeitigkeit für ihre Arbeiten bezeichnend ist. In der Konstruktion dieser Welten werden metropolitane Muster durch Aufhebung des konkreten Ortes zum reinen Raum stilisiert. Kobus erschafft Nicht-Orte im ursprünglichen Sinn. Die Architektur verbleibt letztlich als Spur, als Sinnbild menschlichen Zusammenlebens, als gebaute Projektion sozialer Form.

Dabei schenkt sie den räumlichen Bedingungen informeller Strukturen, wie sie vor allem an den Peripherien urbaner Ballungsräume zu finden sind, besondere Aufmerksamkeit. Abseits offizieller Planungen entfaltet sich hier, in erzwungener Selbstorganisation, ein Potential emergenter Entwicklungen, das in vielfältig konstruktiven und dynamischen Prozessen, jedoch auch in destruktiven Episoden seinen Ausdruck findet. 

In zahlreichen formalen Schichtungen baut Kobus wuchernde Ensemble, die gleichermaßen von struktureller Expressivität und Beklemmung zeugen. So kann die Spannung der reinen Struktur nicht gänzlich über die beunruhigende Wirkung der Gemäuer hinwegtäuschen; zementierte Geometrie, in der kein Lebewesen auszumachen ist. Und doch ist diesem engen Nebeneinander von Behausungen das Potential von Geborgenheit und konstruktiver Kraft eingeschrieben.
Eben dieser Ambivalenz von Undurchdringlichkeit und Nähe verdanken Kobus’ Arbeiten ihre Spannung.

Kobus spielt in ihren Malereien mit verschiedenen Modi der Betrachtung von urbanen Gefügen. So ermöglichen ihre Kompositionen, mal kulissenhaft, mal als Modell, unterschiedliche Zugänge zum Raum. Wie die baulichen Formen, mal sehr klar gefasst, mal vage ausgeführt, bildet das dargestellte Terrain zuweilen eine scharfkantige Trennung zum Horizont oder löst sich im Ungewissen auf. Die monochromen Konstruktionen werden teils in ein irreal wirkendes Licht getaucht und entrücken das Sujet so der alltäglichen Wirklichkeit.


DRAWING/ GRAPHIC

Gabriela Kobus’ Zeichnungen entstehen spontan, ja fast intuitiv. Anfangs flüchtige Linien kristallisieren sich experimentell zu strukturellen Gefügen, die sukzessive verdichtet und vernetzt werden, und so an grafischer Spannung gewinnen. Eine dritte Dimension erwächst zuweilen nur durch weiteres Komprimieren sich durchdringender Linien. 
Kobus’ Zeichnungen verstehen sich als Labore zur Untersuchung und Erprobung von räumlichen Verdichtungen, die sich zu Konturen urbaner Kompositionen verbinden.


CATEGORY BOARDS

Gabriela Kobus’ CATEGORY BOARDS bilden eine Serie großformatiger Objektskizzen in Form ausgesparter Silhouetten in Holzplatten.

Ihre Sammlungen freigestellter Umrisse beschreiben Prototypen urbaner Protagonisten unterschiedlicher örtlicher und sozialer Herkunft, sowie deren imaginierte Ausstattungsmerkmale.

Die Arbeiten dieser Reihe stellen sowohl inhaltlich als auch formal vielfältige Behauptungen auf. Zum einen wird eine subjektive Zuschreibung von Identitäten samt dazugehöriger Attribute vorgenommen, die bestehende Klischees und Vorurteile unkommentiert reproduzieren. Zum anderen erinnern die Arbeiten formal an Kontexte musealer Dokumentationen, - von Schau- oder Lehrtafeln und projizieren so einen mutmaßlich fundierten Wahrheitsanspruch.

In Form pseudowissenschaftlicher Hypothesen, spielt Kobus mit einer überspitzten Reduktion von gesellschaftlicher Komplexität. Als Produzentin subjektiver Wirklichkeitenkonstruktionen hinterfragt sie die tendenziöse Wahrnehmung geschlossener sozialer Systeme; analysiert Muster von Inklusion und Exklusion. So stellt sie einmal die Rolle von äußeren Merkmalen, verstanden als gesellschaftliche Codes, die den Zugang zu bestimmten physischen und sozialen Räumen ermöglichen oder verwehren, zur Diskussion. Weiter verweisen die umrissenen Chiffre gesellschaftlicher Kategorisierung auf die gegenwärtigen Bewertungen von Statussymbolen und deren Bedeutung für die Identifikationen von Individuen.

Inwieweit Kobus sich damit einer Wahrheit anzunähern versucht, bleibt ungewiss. Vielmehr eröffnen ihre behaupteten Realitäten vielfältige Möglichkeiten des kritischen Diskurses unterschiedlicher Erfahrungen und geben Raum für denkbare Neupositionierungen.


english

PAINTING

The central theme of Gabriela Kobus' artistic examinations is that of urban structures. 

She combines urban phenomena into a matrix whose dynamics of compression and dissolution, cross-linking and simultaneity are characteristic of her works. In the construction of these complex worlds, metropolitan patterns are stylized into pure space by abolishing the concrete location. Kobus creates non-places in the original sense. 

In doing so, she pays special attention to the spatial conditions of informal structures, such as those found especially on the peripheries of urban agglomerations. Away from official planning, a potential of emergent developments unfolds here, in forced self-organization, which finds expression in manifold constructive and dynamic processes, but also in destructive episodes. 

In numerous formal layers, Kobus builds a proliferating ensemble that testifies equally to structural expressiveness and anxiety. Thus the tension of the pure structure cannot completely hide the worrying effect of the walls; concreted geometry in which no living being can be discerned. And yet the potential of familiarity and constructive power is inscribed in this close juxtaposition of dwellings. 

It is precisely this ambivalence of impenetrability and closeness that Kobus' works owe their tension to.

In her paintings, Kobus plays with various modes of observing urban structures. Thus her compositions, sometimes scene-like, sometimes as models, allow different approaches to space. Like the structural forms, sometimes very clearly defined, sometimes vaguely executed, the terrain depicted sometimes forms a sharp-edged separation from the horizon or dissolves into the unknown. Some of the constructions are immersed in an unreal light, thus moving the subject away from everyday reality.


DRAWING/ GRAPHIC

Gabriela Kobus' drawings are spontaneous, almost intuitive. Initially fleeting lines crystallise experimentally into structures that are successively condensed and networked, thus gaining graphic tension. A third dimension sometimes only emerges through the further compression of intersecting lines.
 Kobus' drawings are laboratories for the investigation and testing of spatial condensations that combine to contours of urban compositions.


CATEGORY BOARDS

Gabriela Kobus' CATEGORY BOARDS are a series of large-scale object sketches in the form of recessed silhouettes.
Her collections of outlines describe prototypes of urban protagonists of different local and social backgrounds, as well as their imagined features.

The works in this series make a variety of assertions in terms of content and form. On the one hand, a subjective attribution of identities and associated attributes is made, which reproduce existing clichés and prejudices without comment. On the other hand, the works formally remind one of contexts of museum documentations, of display or educational panels, and thus project a supposedly substantiated claim to truth.

In the form of pseudoscientific hypotheses, Kobus plays with an exaggerated reduction of social complexity. As a producer of subjective constructions of reality, Kobus questions the tendentious perception of closed social systems; she analyzes patterns of inclusion and exclusion. She puts the role of external features, understood as social codes that enable or deny access to certain physical and social spaces, up for discussion. Furthermore, the outlined cipher of social categorization refers to the current evaluations of status symbols and their significance for the identification of individuals.

To what extent Kobus tries to approach a truth remains uncertain. On the contrary, their alleged realities open up manifold possibilities for a critical discourse of different experiences and leave room for imaginable repositioning.